Anständig führen – Anständig Firmen übergeben (Teil II)

Prof. Schweinsberg hat acht Erfolgstugenden identifiziert. Sie helfen, ein Unternehmen „anständig„, d.h. handwerklich gekonnt und moralisch gut, zu führen. Wie sich diese Tugenden in der Unternehmenspraxis anwenden lassen, hat er in seinem Buch: Anständig führen, Herder Verlag, 2. Auflag. 2014, plastisch beschrieben. Wie Sie diese Tugenden in einem Unternehmensnachfolgeprozess gewinnbringend einsetzen können, erfahren Sie im folgenden (im letzten Blog hatte ich die Tugend „klare Absicht“ bereits ausgeführt).

Spürbare Authentizität

Authentizität ist eine Wirkung. Ich definiere sie als die Eigenschaft, ganz sich selber zu sein. Ich bin der, der ich bin und gebe mich als der, der ich bin. Ich handele nach meinen Überzeugungen. Achtung: Auch der Finanzhai oder der Schwerverbrecher kann authentisch sein. Zur Authentizität gehört daher immer ein akzeptables Wertegerüst dazu!

Authentizität verstärkt meine Botschaften. Alfred Herrhausen hat es treffend ausgedrückt:

Wir müssen das, was wir denken, auch sagen. Wir müssen das, was wir sagen, auch tun. Und wir müssen das, war wir tun, dann auch sein.

Wenn ich als Unternehmer nicht authentisch bin, wird dies meine Botschaften überdecken und beim Team, bei Kunden und anderen ein Störgefühl erzeugen. Im Übergabeprozess ist es wichtig, dass alle Beteiligten wissen, woran sie sind. Die Menschen spüren, ob es der Senior ernst meint mit der Übergabe, oder ob er die Firma nur „ein bisschen“ übergeben will. Wenn Übergabe als längerer Prozess gestaltet wird – was durchaus berechtig sein kann – dann muss klar sein, wann der Senior welche Aufgaben und Funktionen, welche Leitungsmacht, abgibt. Wenn es unklar bleibt oder das Verhalten nicht zur Kommunikation passt, wirkt es auf die Menschen nicht authentisch. Verunsicherung ist die Folge.

Bill George, in früherer Unternehmensführer und jetziger Forscher hat herausgefunden, dass die ehrliche und aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte der Dreh- und Angelpunkt authentischer Führung ist. Anders ausgedrückt:

Die Wirkung der Führungspersönlichkeit steht und fällt mit der erzählten und verkörperten Geschichte. (Howard Gardner).

Der Übergabeprozess kann auch zu einer persönlichen Inventur genutzt werden. Mit einem erfahrenen Coach schaut man sich die eigene Lebensgeschichte an:

  • Wer hatte großen Einfluss auf mich?
  • Wann habe ich ganz „mein Ding“ gemacht?
  • Was motiviert mich?
  • Welcher Teil meiner Lebensgeschichte ist noch nicht erzählt?

Zur Authentizität gehört auch, das man offen sagt, wie schwer das Loslassen fällt. Und es trotzdem tut.

Professionelle Agilität

Der langjährige Chef der Unternehmensberatung Roland Berger sagt:

Im Zentrum erfolgreicher Führung steht die Persönlichkeit und ihre Werte. Allem voran braucht es Mut, Entschlossenheit und Reflexionsvermögen, um neue Möglichkeiten zu erkennen und Chancen zu ergreifen.

Ein katholischer Kirchenführer drückt es so aus:

Jemand, der etwas unternimmt, der seine Talente nutzt und ein Risiko eingeht, ist ein Unternehmer. Wer immer nur sitzt, ist keiner.

Die Übergabe einer Firma ist ein „Unternehmen“, dass beherzt angegangen werden will. Es braucht den Mut und die Entschlossenheit des bisherigen Inhabers, seine Firma loszulassen und in die Hände des Nachfolgers zu geben. Es braucht das Vermögen zu reflektieren, ob im Prozess an alles gedacht ist (hier können Berater helfen) und ob der Nachfolger der oder die Richtige ist. Manche wichtige Entscheidung gilt es zu treffen. Nicht immer wird es gerecht zu gehen. Wie z.B. soll man das Erbe aufteilen. Wenn nur eine(r) die Firma erben soll, was bekommen dann die anderen? Besser eine schnelle, gut vorbereitete und sauber kommunizierte Entscheidung treffen als gar keine!

Bei aller Professionalität gilt aber gerade bei der Unternehmensübergabe: Auch den Bauch zu Wort kommen lassen, auf ihn hören. Viele Bauchentscheidung sind gute Entscheidungen. Sie werden intuitiv gefällt, aber folgen häufig einer inneren Logik, die sich aus langjähriger Erfahrung und Menschenkenntnis bildet. Da der Unternehmer aber Nachfolgeprozesse nur sehr selten, vielleicht nur einmal in seinem Leben, durchläuft, sollten Bauchentscheidungen nie spontan gefällt werden, sondern man sollte sich die Zeit nehmen, sie zu überprüfen, zu durchdenken, durchfühlen. Ein Berater oder Coach kann als Sparringpartner wichtige Hilfen bei der Reflexion solcher Entscheidungen geben.

 Kompromisslose Aufrichtigkeit

Goethe drückt es sehr prägnant aus:

Und wollt ihr euch erklären, so nehmt nicht Brei ins Maul.

Elvis Presley (!) wird folgendes Bonmot zugeschrieben:

Truth is like the sun. You can shut it out for a time, but it ain’t goin‘ away. (Die Wahrheit ist wie die Sonne. Du kannst sie für eine Weile aussperren, aber sie wird nicht weggehen.)

Vor der Übergabe ist es wichtig, dass Unternehmen zu durchleuchten. Wo gibt es Schwachstellen? Wo können Dinge verbessert werden? Gibt es etwas, das mein Nachfolger wissen sollte? Es hilft, wenn alles auf den Tisch kommt und Missstände entweder vor der Übergabe noch beseitigt werden oder der Nachfolger wenigstens weis, was auf ihn zukommen. Beim Unternehmensverkauf gilt, im Datenraum die Lage der Firma ehrlich aufzuzeigen, ohne das eigene Unternehmen unnötig schlecht darzustellen.

Für Robert Bosch zahlt sich Ehrlichkeit – und nichts anders ist kompromisslose Aufrichtigkeit – langfristig immer aus. Lieber Geld verlieren als Vertrauen war sein Credo.

Kompromisslose Aufrichtigkeit ist auch gefordert, wenn es um die Person des Nachfolgers oder des Käufers geht: Ist er/sie auch wirklich die Richtige? Viele Bedenken lassen sich im Gespräch ausräumen, aber wenn nach mehreren Gesprächen und dem Austausch z.B. über persönliche Werte ein Störgefühl bleibt, empfiehlt sich die Situation mit einem erfahrenen Freund oder Berater zu analysieren.

Ein Übergabeprozess bietet immer die Gelegenheit, eine persönliche Lebensbilanz zu ziehen. Soll diese eine gesunde Grundlage für die Gestaltung des Lebens nach der Übergabe sein, muss sie aufrichtig sein. Selbstbetrug hilft hier nicht. Es braucht ehrliche Antworten auf Fragen wie:

  • Was ist gelungen?
  • Was hat das Gelingen gefördert?
  • Was hätte besser laufen können?

Ehrliche Selbsterkenntnis ist ein gesunder Nährboden für die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit. Die gute Nachricht ist, dass jeder – unabhängig von Herkunft, Alter und Erfahrung – sich ändern kann, wenn er oder sie es nur will. Die Begleitung durch einen Coach kann diese Auseinandersetzung und die Frage: „Und was nun“ nutzbringend begleiten.

Fortsetzung folgt.