Anständig führen – Anständig Firmen übergeben (Teil I)

Prof. Klaus Schweinsberg ist Gründer des Centrums für Strategie und Höhere Führung und persönlicher Ratgeber und Coach vieler Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Militär und Kirche. Auf einem Seminar im Rahmen des Christlichen Führungskräftekongresses in Hamburg Februar diesen Jahres hat er seine Gedanken zum Thema „Anständig führen“ dargelegt. Ausführlich findet man diese in seinem kleinem, aber sehr instruktiven Buch: Klaus Schweinsberg: Anständig führen, Herder Verlag, 2. Auflage 2014. Darin schreibt er einleitend über die zunehmende Ungewissheit in unser Zeit. Frei nach Aristoteles könnte man sagen: Es wird immer wahrscheinlicher, dass etwas Unwahrscheinliches passiert. Seit der Finanzkrise 2008 wissen wir, dass der Blick in die Vergangenheit kein probates Mittel der Zukunftsplanung mehr ist. Schwarze Schwäne – unwahrscheinliche negative Ereignisse, die eben doch eintreten – werden häufiger. Die Folge: Unternehmer brauchen „Unsicherheitskompetenz„, d.h. die Fähigkeit, auch in Zeiten der Ungewissheit sicher sein Unternehmen zu führen und weiter zu entwickeln.

Dazu braucht es beides: Führung und Management:

  • Führung heißt: Ich gebe dem Unternehmen die Richtung vor, versammele Menschen hinter einer Idee und motiviere sie, mit mir die Zukunft zu gestalten.
  • Management bedeutet, das Handwerkszeug richtig einzusetzen: Planung, Organisation, Personalauswahl, Probleme lösen. Je unsicherer die Zeiten werden, desto mehr Führung braucht es. Der Umkehrschluss, dann bräuchte es weniger Management, ist aber falsch: In Zeiten der Ungewissheit muss man sein Handwerkszeug erst recht gut einsetzen!

Management und Führung brauchen einander, aber die Führung geht voraus, das Management setzt um. Dies gilt für die Führung von Unternehmen, aber auch für die Führung von Nachfolgeprozessen. Bei der Übergabe von Unternehmen von einer Generation an die andere wie auch beim Verkauf von Unternehmen braucht es gute Führung und herausragendes Management, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben und am Ende alle Beteiligten eine „Erfolgsstory“ erzählen können.

Über Führung und Management gibt es unzählige gute und schlechte Bücher; theoretische Lehrbücher und praktische Ratgeber mit aus dem realen Unternehmerleben gegriffenen Geschichten. Prof. Klaus Schweinsberg vereint ins seinem Buch Theorie und Praxis. Er hat aus seiner langjährigen Ratgeberzeit acht Erfolgstugenden destilliert, die helfen, ein Unternehmen – oder einen Prozess wie die Unternehmensnachfolge- anständig zu führen. Anständig heißt dabei für ihn und mich: handwerklich gekonnt und moralisch gut, verantwortungsvoll. Damit wir uns diese acht Tugenden besser merken können, fangen sie alle mit einem „A“ an. „A“ wie Anfang. Denn diese Tugenden sollten am Anfang jeder unternehmerischen Tätigkeit stehen!

Wer wissen möchte, wie er diese Tugenden auf die Führung von Unternehmen anwendet, dem sei die Lektüre seines Buches empfohlen. Die 135 Seiten lesen sich sehr gut. Viele Zitate und Beispiele fördern das Verständnis seiner Ausführungen und regen zum Nachdenken an. Mich haben sein Vortrag und sein Buch inspiriert, seine acht Tugenden auf den Prozess der Unternehmensnachfolge anzuwenden. Unternehmensnachfolge kann dabei bedeuten:

  • der Inhaber übergibt das Unternehmen an eines oder mehrere seiner Kinder oder andere Familienangehörige (familieninterne Nachfolge)
  • der Inhaber übergibt das Unternehmen an einen Geschäftsführer, der sich einkauft (Management buy in oder buy out)
  • der Inhaber verkauft sein Unternehmen (M&A – Merger & Acquisition

Egal wie die Nachfolge geregelt wird, einige Elemente kommen immer vor:

  • das Unternehmen muss für die Übergabe fit gemacht werden
  • der Nachfolger (oder der Käufer) muss ausgesucht werden
  • der Prozess der Nachfolge (oder des Verkaufs) muss strukturiert werden
  • der Inhaber braucht eine Perspektive für das Leben nach der Übergabe
  • der Nachfolger braucht eine Vision für die erfolgreiche Fortführung des Unternehmens

Nachfolge ist ein Prozess, der geführt und gemanagt werden muss. Beides – Führung und Management –  ist notwendig, und beides sollte auf Basis der acht von Prof. Schweinsberg identifizierten Erfolgstugenden geschehen.

Klare Absicht

Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Anstrengungen.

Dieser Satz von Mark Twain begleitet mich als Warnung schon viele Jahre in meiner unternehmerischen Tätigkeit, aber auch im Privatleben. Führen heißt: Wissen, was wir wollen. Und: Sagen, was wir wollen! Mit anderen Worten: es braucht ein klares Leitbild. Ein Leitbild hat drei Komponenten: Vision, Mission und Werte:

  • Vision: der große Traum, warum ich die Firma gegründet habe oder dahin geführt habe, wo sie heute steht. Die Vision drückt aus, wohin eine Firma strebt, was das große Ziel – die Vision – ist.
  • Mission: Sie erklärt, wie die Vision erreicht werden soll. Im Kern geht es um die Frage: Was ist unser Geschäft, wo findet es statt und wie erreichen und dienen wir unsere Kunden?
  • Werte: Es ist gut, wenn ein Unternehmer für seine Firma einen Kanon von verbindlichen Werten, die für alle gelten, aufstellt. Drei reichen, weil sich keiner mehr merken kann!

Für die Übergabe eines Unternehmens ist es hilfreich, wenn das Leitbild des Unternehmens klar ist. Dann weiss der Nachfolger, worauf er sich einlässt. Die Führungskräfte und die Mitarbeiter des Unternehmens wissen es auch. Und der Übergeber kann in den Gesprächen mit dem Übernehmer deutlich machen, was ihm wichtig ist, welche Vision er oder sie mit dem Unternehmen hatte, was die Mission ist und welches die Wertebasis ist. Klarheit in diesen drei Punkten erleichtert die Übergabe. Der Übergeber darf die Vision und die Mission weiter entwickeln, denn beides ist nicht statisch, sondern lebt. Auch bei den Werten kann er andere Schwerpunkte setzen. Wenn sich Übergeber und Übernehmer bei der Wertefrage gar nicht einig sind, sollte man als Inhaber die Frage stellen, ob der „beste“ Übernehmer wirklich vor einem sitzt!

Auch für den Übergabeprozess braucht es eine Vision, eine Mission und grundlegende Werte (wie z.B. die folgenden sieben). Die Vision kann z.B. sein: In 10 Jahren soll mein Sohn / meine Tochter so weit sein, dass Unternehmen zu übernehmen. „So weit“ kann heißen: fachlich in der Lage zu sein, dass Unternehmen zu managen bzw. mit den Managern fruchtbar zusammen zu arbeiten. Und persönlich die Fähigkeit zu haben, als Führungskraft voraus zu gehen. Die Mission beschreibt den Prozess der Übergabe und die Felder, in denen die Nachfolger sich bis zur Übergabe eingearbeitet und eigene Erfahrungen – möglicherweise auch in anderen Unternehmen – gesammelt haben sollen.

Jeder hat Werte, aber nicht immer sind diese Werte wirklich klar. Die eigenen Werte zu entdecken kann durch ein Wertecoaching unterstützt werden. Dies kann als Einzel- oder Teamcoaching erfolgen. Unter Anleitung eines erfahrenen Coaches entdecken die Teilnehmer ihre Werte, können sie verbalisieren und lernen, mit ihnen im Alltag umzugehen.

Fortsetzung folgt.